Level 1: 70 Tage // Franziska (N*14)

von Stipendiat

Freitag 26.7.2018

Vor genau 70 Tagen bin ich in in das Technische Museum und in die Werkstatt eingezogen. Zwei Monate heftiges Experimentieren und Austesten von Materialien, Maschinen und Möglichkeiten liegen hinter mir.

auf dem Dach im Neubau des Museums

Eine kurze Erklärung für all diejenigen, die neu dazu stoßen: 

Das Technikmuseum ist in der Trebbiner Strasse, Berlin. Wer hier schon einmal war, weiß,  wie groß es ist und wie viel es zu entdecken gibt. Das Besondere ist mitunter, das es einige aktiv-genutzte Werkstätten gibt. Eine von ihnen ist mein neues Zuhause. „Manufakturelle Schmuckproduktion“ nennt es sich.  Hier finden sich Maschinen und Techniken aus verschiedensten Jahrzehnten wieder – der Schwerpunkt liegt auf dem 19. und 20. Jahrhundert. Im Zentrum stehen sieben Fertigungsbereiche: Prägen-Pressen-Stanzen, Ziehen-Walzen, Gießen, Schleifen-Polieren, Guillochieren-Gravieren, die Kettenherstellung und die handwerklichen Techniken des Goldschmiedeberufs.

Auch mir liegen diese fast in Vergessenheit geratenen Techniken und Maschinen am Herzen. Stahlbrocken, tonnenschwere, so stehen sie in der Werkstatt; riechen nach Maschinenöl und alten Geschichten. Mitunter funktionieren sie seit über 100 Jahren in derselben Art und Weise. Mehrmals im Jahr kommen Experten angereist, Männer, die sich ihr Leben lang der Arbeit an diesen Maschinen verschrieben haben (oder in der Nachkriegszeit einfach mussten). Jede Macke, Spinnerei oder Schwachpunkt kennen sie und plaudern gerne aus dem Nähkästchen.

Mehrmals im Jahr gibt es Workshops mit verschiedenen (Hoch-)Schulen,  Schmuckgestaltern oder Goldschmieden.  Auf den Fotos oben, wird gerade ein Sandguss-Workshop für Deutsch-Lernende gegeben.

2015 wurde das vom Museum ins Leben gerufene Projekt „Manufakturelle Schmuckgestaltung“ von der Deutschen UNESCO-Kommission in das Register guter Praxisbeispiele zur Bewahrung immateriellen Kulturerbes aufgenommen.  Aus diesem  Projekt und der mit-tragenden Arbeitsgruppe „Schmuck verbindet“ hat sich zwischen den Städten Pforzheim und Berlin eine motiviertes Team gebildet, das sich teilweise sogar im Ehrenamt um die Wissensweitergabe kümmert. Mein Stipendium, das einmal im Jahr vergeben wird, ist ebenso Teil dieses Projektes und mit mir als 14. Stipendiatin hat sich auch hier ein netter Kreis an Ehemaligen gebildet.

An der Hochschule Pforzheim gibt es zudem ein jährliches, kooperatives Projekt: „Pforzheim Revisited“. 2015 habe ich daran teilgenommen und angefangen, Marmorsteine zu guillochieren und mit Elektrotechnik zu koppeln. Das war mein erster Berührungspunkt mit der Werkstatt, dem Museum und den manufakturellen Gestaltungstechniken. 

Während meines 6-monatigen Stipendiums möchte ich den Versuch einer Brücke wagen.  Und zwar zwischen den beschriebenen Herstellungsverfahren des letzten Jahrhundert und den digitalen, technischen Errungenschaften von heute. Was ich damals im studentischen Projekt angekratzte, möchte ich während meines Stipendiats noch einmal aufgreifen und neu umsetzen.

Nachdem ich jetzt so groß theoretisch ausgeholt habe, nun ein bisschen was handfestes aus den letzten Wochen. Über die letzten beiden Monate habe ich im Groben an vier bis fünf verschiedenen Baustellen gearbeitet.

I

Marmor guillochieren, das Werkzeug – einen Stahlstichel- bauen, weitere Guillochierversuche mit der Frage, wie tief kann ich gehen, was hält der Stein eigentlich aus? Was ist ein guter Abstand zwischen den einzelnen Linien.

II

Zinn und Glas Verbindungsversuche. Das ging über bloßes Eintauchen bis hin zu der Erkenntnis, dass ich wohl eine Gipsform bauen sollte. Dann habe ich mein Modell in Wachs gebaut – es mit Figuren-Porzellanmasse eingebettet und hatte somit eine Zinn-taugliche Gussform geschaffen. Darauf folgten viele Experimente mit verschiedenen Freiformen aus Zinn und Glassplittern.

Am Ende der Gußversuche enstand eine erste amorphe Gliederkette  – mit dem stolzen Gewicht von 430g. Aber sie trägt sich gut und liegt schön am Körper.

III

Fallhammer – Recherche zu Freundschaftskettchen. Die Ausgangsinspiration sind diese teilbaren Herzen, die man von früher vielleicht noch kennt. Ein Schmuck-Klassiker  – den ich gerne anstatt für 2 für mehrere Parteien anbieten möchte. Meine Überlegung ist, ob ich Medaillons zusammen, übereinander prägen kann; bisher habe ich mit den vorhandenen Gesenken und Pfaffen gearbeitet. – Ziel soll aber sein, meine eigene Stahlform herzustellen.

Schön finde ich hier, dass im ersten Schritt auch die Fusshebel-Stanze mit eingebunden ist – der große Goldschmiede-Locher sozusagen – im zweiten Schritt folgt dann die Hohlprägung auf dem Stanzteil.

An der handbetriebenen Spindelpresse habe ich auch geprägt – hier vorwiegend wassergetrahlte Alu-Ronden, da das Metall schön weich ist. Außerdem habe ich hier teilweise mit meinen eigenen Formen (Messing-Güssen) gearbeitet, wenn nicht ganz ohne Form, d.h. Alu-Münzen gegenseitig aufeinander gepresst, motivlos.

IV) Wear it Festival

Im Juni habe ich das Berliner Wear-it Festival besucht – zum einen, um Kontakte zur Creative Tech- und Fashion Technology-Szene zu knüpfen und zum anderen, um zu schauen, was gerade so „state-of-the-art“ ist.  Nicht zuletzt ist das künstlerische Wearable mein Hauptprojekt für das Stipendiat.  Es waren 2 Tage mit einer Fülle an interessanten  Vorträgen, Workshops und diversen Performances.

Auf den Fotos oben sieht man unter anderem einen komplett kompostierbaren elektronischen Kreislauf, der an einem menschlichen Haar hängt! Rechts daneben einen Schaltkreis, den man sich auf seine Haut kleben kann und zur Steuerung verwenden kann.

Alles in allem sehr inspirierend und motivierend für meine Ideenfindung und Konzeptentwicklung.

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Für das wearables-Projekt habe ich schon ziemlich konkrete Ideen und Kooperationsideen – aber bis alles richtig ausgefuchst ist, dauert es noch ein wenig und bis dahin hülle ich mich in Schweigen. Spannung!

Bis spätestend in 70 Tagen – wenn ich Level 2 geschafft habe.

(Kleiner Tipp: die Level-Metapher hat womöglich was mit dem neuem wearale / technojewel zu tun.)